Rette mich nicht

All die Zeit habe ich versucht dir etwas mitzuteilen. Du hast nicht zugehört, ich habe mitspielen müssen.

Deinen Frieden, Deine Kontrolle habe ich dir nicht gelassen, das war mein Verbrechen, welches den Knebelknecht, das freundliche Mädchen zu einer Aussetzigen machte.

Was hast du denn, uns geht’s doch gut. Anderen ging es viel schlimmer, die hatten nicht xy.

Ertrunken bin ich unter deinem Schweigen, deinem verlogenen deutschen Sonntag.

Um Hilfe habe ich geschrien, bis mir die Stimme wegblieb. Dann kehrte endlich Stille ein.

Du konntest in Ruhe weiter das Bruttosozialprodukt steigern, während ich in deiner Gemütsinflation ertrank.

Du bist aber auch empfindlich. Was du immer hast.

Kaum die Stimme wiedergefunden schrie ich aus voller Leibeskraft.

Ich kotze dir vor die Füsse, dir und deinem Golf und deinem Golfkrieg und deinen Fabriken und deiner Artentfremdung und deinem Leistungskomplex und deiner Strohmann-Republik und deinem Smog und deinem morbiden Schweigen und deiner spießigen Unspießigkeit.

Von halb lebendig-Toten wollte ich gerettet werden. Ich schrie und schrie dumme, stumme Schreie.

Nein, denke ich jetzt, endlich gefasst. Hier am Grunde aller Dinge – so still. Nein. Rette mich nicht. Rette dich.

FRANZ JOSEF DEGENHARDT – DEUTSCHER SONNTAG

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