Die Wildhütte und das rohe Ich – Teil 2

Finnland. Zuckergussfelsen und Zwielicht. Meine alte Liebe. Sie hat mich schon immer beseelt und tat es auch dieses Mal.

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Kilometer abzulaufen, aus hingerissener, kindlicher  Freude, war nie ein Problem. Kilometer für einen Kanister voll Trinkwasser abzulaufen, war hingegen etwas Anderes. Wie man einen Wasserbedarf von 150% auf 40% senkt? – So.

Ich hatte eine halbe Schachtel Streichhölzer, als ich am Abend ankam, eine geliehene Stirnleuchte, zerissene Pappe, etwa in der Menge eines DIN A5 und klammes Holz. Der Kiefernmann zeigte mir, dass man die Birkenrinde abziehen und als Zunder verwenden konnte. Am nächsten Tag klopfte er an, ließ Katzenfutter samt Katze bei mir und verabschiedete sich für das Wochenende. Dass ich ihn eine ganze weitere Woche nicht zu Gesicht bekommen würde, ahnte ich nicht.

Also nahm ich die draußen abgelegte Axt und lernte die kommenden drei Tage das Holzspalten. Also keine Ahnung, was das Mannsvolk immer mit diesem Werkzeug hat, aber wenn ich nun Eins mal feststellen konnte, seit ich meine Hände habe, ist es dass kein Werkzeug sich jeh geweigert hätte, zweckmäßig von mir benutzt zu werden. Jedenfalls ist die Axt nicht „Für Kerle reserviert!“kreischend davongelaufen. Nach einer Stunde bekam ich brauchbare Späne und spaltete große klamme Scheite in kleine klamme Scheite. Diese lagerte ich dann auf dem Ofen vor, um sie für die jeweils nächsten zwei Feuer durchzutrocknen, was recht schnell ging, wenn erstmal ein ordentliches Feuer in Gang war. Es gab manche Vormittage, da legte ich die Axt kaum aus der Hand, sondern trug sie über der Schulter und vergaß sie dort, wie manche Leute ihre Brille auf dem Kopf. Nennt mich Beorn.

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Bei einem unserer seltenen Gespräche, fragte mein netter, sehr finnischer Gastgeber, warum es so wichtig für mich sei, mir zu beweisen, dass ich für mich allein sorgen könnte. Und zugegeben klingen die möglichen Antworten alle fade und viel zu einfach. Also dachte ich noch eine ganze Weile darüber nach. Ich denke neben den offensichtlichen Gründen, wie überlebensfähig sein zu wollen, oder die Dinge nicht für selbstverständlich zu nehmen, gibt es dafür einen viel tiefer liegenden Grund, der etwas mit der Erziehung von Mädchen zu tun hat. Und ebenso mit der von Jungs. Jungen wird von Anfang an souffliert, dass Mädchen nicht alleine zurecht kommen und Mädchen haben eben dies selbst als Tatsache hinzunehmen. Wenn die Jungs dann Männer werden, hat sich das meist zu einer höchst unschönen Eigenschaft entwickelt, die bis zum Opasein nicht mehr weg zu operieren geht. Sie nehmen Frauen Dinge aus der Hand. Messer, Hammer, Holzklötze, Streichhölzer, Steuerräder, Nägel, schweres Gepäck, Sägen, technische Geräte und – ja – Äxte. Mit Ausnahme von deutlich deklarierten „Frauendingen“, wie Nähnadeln, Kochlöffel und Tischdeckchen. Also alles, was grundlegend zur Überlebenssicherung gedacht ist, bleibt für viele Mädchen und später Frauen ein großes ‚PFUINEIN‘.  Zumindest habe ich das so erleben dürfen. Hatte ich ein Werkzeug in der Hand – und wissen die Götter, es waren viele,  – war das Spielen. Ich hatte und habe eine Reihe höchst begabter Handwerker in meiner Familie. Wie kommt es dann, dass ich im mittleren Alter nach wie vor Geräte zureiche, statt dass mir gezeigt wurde, wie sie gebraucht werden? Das fiel mir bei meiner Suche nach dem tieferen Grund für mein Bedürfnis alleine fertig zu werden deutlich auf. Später hatte ich dann genau dieses Gespräch mit der Freundin des Gastgebers, die eben diese Erlebnisse schilderte. Und einmal wieder war es, als öffnete sich eine Tür. Als gäbe es einen Universalcode, den ich bloß die meiste Zeit übersehen hatte. Und es war ein großartiges Gefühl.

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Jeden Tag auf dem Weg von der Hütte weg, brach ich mir fast das Genick, beim Überqueren der Eisstraße. ‚Eine Schneebrücke muss her‘, fand ich. ‚Gibt das Leben Dir Zitronen, mach Limonade draus‘. ‚Sind Deine Füße eh schon nass, spring in den See.’… naja und so weiter. Das war eine Eigenschaft, die ich schon immer hatte. So und jetzt erst recht. Es ist ein so tiefer Trotz, dass ich selbst dem Tod schon einige Male zu trotzig war. Er hat meine grimmige Stirn und die vorgeschobene Unterlippe gesehen und ist angewidert abgerauscht. Mit so Jemandem in einem Boot? Nein Danke! Kipp‘ die scheiß Stundenuhr halt nochmal um. Das erste Mal war ich vierzehn Jahre alt und lag nach einer Operation, von meinem Vater zum einhundertsten Mal im Stich gelassen, im Aufwachraum eines Krankenhauses. Ich muss so trotzig geguckt haben, dass es zur Spontanheilung kam. Vier Tage später saß ich auf der Trabrennbahn im Sulki und drei Wochen danach, tanzte ich im Jugendtheater mit meinem Applehead-Club die volle Thriller Darbietung. Einfach weil. Weil mein Vater mich mal konnte. Weil ich Tanzen liebte. Weil ich keinen Bock hatte, nicht zu können, worauf ich Bock hatte. Dass es mich später mal so schwer erwischen würde und all das, zusammen mit jedem Laut und Lebensfunken in mir verschwand, hätte ich nie geahnt. Aber auch in den einsamen, mutistischen Jahren, legte ich diesen Trotz nicht ab. Er ist mein Schutzengel. Er leitete mich durch Missbrauch Anderer, Seelenqual und Haltlosigkeit. Irgendwo war da schon immer dieser Anker. Klein, unscheinbar und hart wie Stahl.

Viele solcher Gedankenprozesse begleiteten die Zeit meiner Reise. Die Hütte weiß jetzt Einiges über mich. Und ich weiß nicht, ob ich all diese Dinge hier aufschreiben kann oder werde. Es existiert ein Buch, in dem ich alles festhielt. Ungeachtet dessen, gehen die Prozesse weiter. Die erste Woche Zuhause überfiel mich eine regelrechte ‚Zivilisationskrankheit‘, wie meine Tante das genannt hat. Aber ich weiß nicht, ob sie weiß und ob ich weiß – wie recht sie hat.                        —-Teil 3 folgt—-

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