Die Wildhütte und das rohe Ich

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Er war karg, dieser stämmige, rauhe Unterschlupf. Normalerweise bin ich eine Flut von Gerüchen gewöhnt, wenn ich an einen fremden Ort komme. Aber hier roch es bloß stark nach Kiefer und etwas Fichte. Nach der nassen Rinde, den grünen Nadeln, dem Harz und der daraus entstandenen Erde. Alles roch so. Sogar der Mensch, der mich vom Bus abholte. Ich hatte erst Zweifel, ob er ein Mensch oder eine Kiefer war und vielleicht hat sich diese Unsicherheit bis zum Ende nicht ganz aufgelöst.
Alles war von nun an anders. Worte wie ‚einfach‘ und ‚erleichternd‘, bedeuteten nicht leicht und mühelos, sondern nackt und ehrlich. So wie das Feuermachen und Wassertragen, welches von nun an meinen Tag bestimmte. Und vielleicht waren diese Wochen eine der ehrlichsten Zeiten in meinem bisherigen Leben.
Direkt. Ungeschönt. Und desillusionierend; wie es die meisten dieser Reisen sind. Ich war dreiundzwanzig, als ich mit den Coyoten unter dem Wüstenhimmel schlief. Damals kam ich nach drei Monaten in der Wildnis weinend zu meinem Vater zurück, weil man mich sogar dort draussen betrogen und mich bestohlen hatte. Überall wo Menschen sind, ist auch Betrug. Vor allem der Selbstbetrug, welcher einmal vorhanden, grassiert wie eine Grippe. Diesen gab es hier nicht. Man hatte mir nichts versprochen. Und ich hatte mir nichts versprochen. Ich war auf der Suche nach etwas – und ich fand.
Ich fand die Bedeutung der Sonne und die Bedeutungslosigkeit von Scham. Ich fand aber noch etwas viel Gewaltigeres in mir. Ein Feuer, das ohne Streichhölzer dauerhaft brennt ohne jemals seine Kraft zu verlieren. Die Liebe, die ich für die Menschen um mich empfinde. Und ich weiß jetzt, dass es keineswegs selbstverständlich ist, dass diese stetig erwidert wird. Freundschaft die hält, in der das Vertrauen nicht wiederholt missbraucht wird oder eine gleichgültige Kälte einzieht, wie es in der Welt häufig der Fall ist – ist nicht selbstverständlich. Andere viele Jahre hindurch kennenzulernen und schätzen zu lernen, ganz gleich wie oft man sie zum Pfeffer wünscht, ist ein Schatz von unermesslichem und unveräusserlichem Wert. Die Welt hat mich schon dahin gebracht, das Wort ‚Wert‘ nicht mehr in den Mund nehmen zu wollen, mit ihrem niemals enden wollenden Ausverkauf von allem was beseelt ist.
Aber in Wirklichkeit ist nichts mehr etwas wert, was verkauft wird. Es hat seinen Wert im Moment des Warewerdens bereits verloren. Es ist tot. Abgestorben. Und dient nun zur Aufrechterhaltung der großen defizitären Illusion. Den großen Hungerspielen.
Diese Wirklichkeit hat mich gewahr werden lassen, wo sich mein Leben tatsächlich abspielen würde, hätte ich Zugang dazu. Nachwievor, nach all den Jahren, hat mein alter, junger Doktor recht. Was mir am Meisten fehlt – bin ich. Und dieses rohe Ich, das habe ich dort draussen treffen dürfen. Zum Preis von ungewaschenem Haar, einer bakteriellen Wasservergiftung und einem gebrochenen Zeh. Unterm Strich ein Streichelpreis. Ich hätte den Zeh auch hergeben können. Es war wunderbar. Obgleich ich viel Zeit damit zubrachte tief traurig zu sein und so manche Dinge, wie überall, nicht zu verstehen. Obgleich ich hungerte und fror und mein Herz mehrfach zu brechen drohte – die Sollbruchstellen hierfür sind ja schon vorgegeben, daher ist das eine der leichtesten Übungen.
Es war wunderbar. Denn die leichte Schneedecke schmolz mit Heraufziehen der Frühjahrssonne und brachte den Tribut der zähen Schwere zur gleichen Zeit wie meine eigene Schwere wuchs. Und dann tauten ganze Stellen und der Boden wurde sichtbar. So wie ich.

 

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~~~~~~~~Fortsetzung folgt~~~~~~~~~

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