Danke, schlecht!

 

 „Und wie geht es Dir“- Fragen, beantworte ich jetzt immer mit einer Zahl auf einer Skala  von 0-10.

Ich habe diese Frage schon immer gehasst, aber nun ist das Maß voll. „Wie geht es Dir“ wird für immer aus meinem Leben verbannt. Denn wenn Du eh nichts daran ändern kannst, wenn es mir schlecht geht, dann ist die Info überflüssig.

Ich glaube dieses blöde „Wie geht es Dir“ haben alle Kulturen gemeinsam. Nur die Tiere fragen sowas Doofes nicht.

In Finnland heißt es „Mitä kuulu?“ oder „Kuinka voit?“

Das freundliche „Oletko kunnossa?“ (Geht es Dir gut?) ist dabei noch am ehrlichsten, da es die Möglichkeit beinhaltet ein kurzes „Ei…huonosti.“ zu nuscheln. Das bedeutet nämlich „Nee…schlecht.“

Als ich begann Finnisch zu lernen, war mir das sofort aufgefallen, dass die Sprache automatisch eine negative Antwortform integriert und auch zulässt. „Kiitos huono.“ (Danke schlecht) ist ganz normal.

Wenn Du das Jemandem In Deutschland sagst, guckt er/sie Dich gleich beleidigt an, als hättest Du ihm/ihr die Schuld für all Dein Leid übertragen. Überhaupt empfinde ich es schon lange so, dass unsere Kultur ein prinzipielles Problem mit „Schwäche“ in jedweder Form hat.

Es wird häufig gefragt, ob Du selbstlos oder eigennützig gehandelt hast, ob Du ehrlich bist oder gelogen hast, ob Deine Krankheit nicht eigentlich Deine Schuld ist und ob Du zum Arbeiten oder Lernen nicht einfach nur zu faul bist.

Wir Deutschen sind ein misstrauisches und miesepetriges Volk, das Vertrauen eigentlich nicht verdient hat.

Aber nicht nur Deutsche sind so. Diese Diskrepanz zwischen Anteilnahme und totaler Gleichgültigkeit ist eines der grundlegenden Autisten-Probleme. Ich denke Daniel Tammet hat diese Modalitäten recht treffend beschrieben. Die meisten Menschen bauen sich ein recht oberflächliches aber wirksames Netz aus Bekanntschaften und Tätigkeiten auf. Es hält sie im Alltag fest, in einem statischen Gerüst, und im Leben davon ab, zu viel über ihre eigene und die Gleichgültigkeit Anderer nachzudenken. Denn würden sie das tun, wäre recht schnell klar: „Ich habe nichts. Wenn ich morgen umkippe und pflegebedürftig werde, liege ich in einem Krankenhaus und anschließend in einem Heim, denn Zuhause könnte niemand auf Dauer für mich da sein.“

Einsame, alte Menschen. Dieses Land ist voller einsamer, alter Menschen.

Autist*en*innen sind von Anbeginn ihres Lebens in diesem Bewusstsein. Sie werden hin und her geschoben, so lange sie noch Kinder sind und abserviert, sobald sie entweder in Obhut eines Arbeitgebers/ einer Arbeitgeberin sind oder in Obhut des Staates. Es mag einen winzigen Satz von ihnen geben, der weiter Zuhause bei den Eltern und Geschwistern oder Tanten und Onkeln bleibt, aber der ist wohl eher bescheiden.

Seit meiner endgültigen Autismus-Diagnose (Asperger Syndrom mit HB und Synästesie), sind mir so einige Zusammenhänge klar geworden was Bereitschaft bedeutet und wie viele (oder auch wenige) Menschen diese eingehen wollen.

Wenige fühlen sich so bevorteilt wie sie es sind und Wenige fühlen sich so benachteilt wie sie es müssten, um nach Hilfe zu fragen.

Hier sitze ich, mit meinen quietsch-orangenen Ohropax mit einer Drei auf der Tagesskala 0-10. Es ist halb Sechs und die Energie ist raus. Ich habe die letzten zwei Tage auf verschiedenen Seiten durchgebloggt und Blogs zum Autism Positivity 2014 Flashblog durchgelesen. Der Aktivismus ist das Einzige das richtig hilft. Ich bekomme etwas „in meiner Sprache“ wieder. Etwas dass keiner Übersetzung benötigt. Keiner Übersetzung in „Hochneurotypisch“.

 

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