Observation Homo sapiens – Die Stofflichkeit des Menschen

Kleidung
Heute hast Du irgendwas angezogen, was volle Kante zu lange in der Wäschetommel lag. Du duftest nach Wäschepilz und es zieht meine Lunge zusammen, wie ein Bindfaden. Du solltest Dich was schämen, so in eine U-Bahn einzusteigen. Kleidung. Das ist Bekleidung. Bunte oder monochrome Textilbahnen, zusammengenäht zu Passformen, die der Homo sapiens sich bevorzugt über den Körper wirft. Manche wie ein Zelt mit ein paar Reißverschlüssen, andere wie enge Koukons. Sie ist unsere zweite und dritte und vierte manchmal auch fünfte Haut. Laut Hundertwasser brauchen wir noch mehr. Die Auswahl der Kleidung sagt aus, wie ernst wir uns nehmen, wie verwundbar wir sind, wie Du Dich heute fühlst, sogar welche Lebenseinstellung Du gerade vertrittst und noch sensibler gesagt – was wir von uns halten. Sie ist ethnisch, politisch und gnadenlos klassifizierend. Alles was wir kategorisch ablehnen zuzugeben, unsere dunklen Seiten – es befindet sich in unserer Stoffhülle. Eingefärbtes Gewebe. Bemalt, bedruckt, gepresst, geknittert, gesandet, gewebt, geknotet, geklöppelt, gefilzt. Grün, rot, blau, gelb, braun, weiß, grau, violett, anthrazit, khaki, schwarz, pink. Pastell, pur, getrübt, neon, hell, dunkel. Klassisch, praktisch, verziert, protzig, subkulturell, folkstraditionell, hip, öko, proletisch, spießig, alternativ, schlampig, pedantisch.
Zu meinem Leidwesen auch gepflegt oder ungepflegt. Meine Nase riecht Leute, wie Leute gebratenes Fleisch riechen, wenn sie an einem Dönerstand vorbeilaufen. Meine Augen sehen Leute, wie Leute Rechtschreibfehler sehen, wenn sie einen Text korrekturlesen. Ich kann nichts dafür und nichts dagegen. Nur das Gesamtbild, – das ist selten und faszinierend. Wenn es mir gelingt, etwas ganzheitlich zu betrachten, dann gucke ich mir die Augen aus. Stehe da, bin mitten auf dem Bürgersteig angewachsen und staune. >Kleidung. Kleidung. Gewebt, gefärbt. Kleidung.< Der Bundeskanzler von Wesel hallt sein schönstes Echo. Kleidung macht, ob wir es zugeben wollen oder nicht, zu einem riesigen Prozentsatz aus, wer wir sind und verhüllt was wir sind.
Ja. Denn ohne Kleidung sind wir nackt. Es ist ein Gedankenexperiment, die Kleidung mal wegzudenken. Geh‘ mal auf die Straße und versuche das. Eine nackte Gesellschaft würde zu einhundert Prozent anders funktionieren als die unsere jetzt. (Ende Teil 1)

image

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s