~Wenn Kunst schwarz wird~

~Wenn Kunst schwarz wird~

Heute erzähle ich Euch eine Geschichte, die vor wenigen Stunden passiert ist. Morgens um 9.45 Uhr, trafen sich die Künstler unserer Werkstatt vor der Galerie Unter den Linden. Betty, eine Kollegin im Rollstuhl, drei weitere Kollegen und zwei Leiter unseres Unternehmens. Vier Stunden warteten wir geduldig in der nassen Kälte, wechselten uns ab mit Kaffeeholen und hielten uns mit Scherzen bei Laune. Betty hatte ihr Bild „Meine besten Freunde“ dabei, welches zu meinem Stolz auch mich zeigt. Viele Passanten sprachen sie an, waren an der Geschichte des Bildes interessiert. Für Betty als starke Autistin eine große Herausforderung. Aber sie hielt sich und auch uns mit ihrer Frohnatur in Positivstimmung. Nach der vierten Stunde des Wartens und mehreren Presseinterviews, wurde die Spannung und Vorfreude groß, dass unsere Bilder in einer so großen Kunstgalerie hängen würden. Doch dann die Ernüchterung. Die Schlange ging so langsam voran, dass Diejenigen von uns, welche auf einen Transportdienst angewiesen sind, es nicht mehr bis drei Uhr zur Abfahrtsstelle schaffen würden, also alle Stunden des Wartens umsonst gewesen sein würden. Eine unserer Leiterinnen ging also zum Portal der Gemäldeabgabestelle. Nach kurzem Überlegen setzten sich die Beauftragten der Deutschen Bank Galerie über die Anweisungen der Banklobby (Keine Rücksichtnahme auf Niemanden) hinweg und sagten, sie würden uns vorziehen, wenn die wartende Schlange einverstanden wäre. Dann das Unfassbare. Eine Frau begann: „Wir warten hier auch, haben Hunger und wollen nach Hause.“ Ein Anderer: „Uns tun auch die Füsse weh!“ Ein Dritter: “ Wenn wir Jeden Behinderten vorlassen würden….“, „Frechheit!“. Eine begann, immer mehr und mehr Leute fingen an zu wettern und wurden teils boshaft und ausfallend. Die Leiterin kam schockiert zu unserem Warteplatz zurück. Betty, Pinar im Rollstuhl, zwei weitere stark beeinträchtigte Kollegen, davon einer mit Trisomie 21, mussten die Galerie auf Grund von neurotypischen Menschen, den meisten Menschen unter uns, enttäuscht verlassen.
Ich habe heute in Fleisch und Blut gesehen, was sonst nur Statistiken über Egoshooting berichten. Immer wieder wird uns Menschen mit Beeinträchtigung erklärt, wir seien Schwarzseher, wir würden zu viel Feindseeligkeit sehen und sollen an das Gute im Menschen glauben. Diese Menschen heute waren in der Mehrzahl schlecht. Denn unsere Haltung und unsere Taten, machen uns entweder zu guten oder zu schlechten Menschen. Betty musste nun stumm die Last derer Tragen, die sich lautstark ihrer entledigt hatten. Aber ich blieb in der Schlange. Und wenn ich auf der Ausstellung erneut ein Presseteam treffe, habe ich eine traurige Geschichte für sie. Die Geschichte, wie Kunst schwarz wird.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s